Ein bisschen Angst muss sein

Posted on Januar 23, 2010

Claudia Aichhorn wollte an einer Kletterwand ihre Höhenangst besiegen und fand die gesunde Angst. Die will sie jetzt aber behalten. Ein Selbstversuch.

Der linke Oberarm beginnt leicht zu zittern. Mit dem Einsatz dieser Muskelgruppe hatte wohl niemand gerechnet. Die Kraft lässt langsam nach und es wird immer schwieriger diese Position beizubehalten. Denn während die linke Hand krampfartig an einem roten Fisch festhält, versucht die rechte einen gelben Seestern so zu packen, dass er sicheren Halt verspricht. Die Beine sind weit auseinander gespreizt. „So Claudia, den Haltegriff kannst du jetzt langsam loslassen und dich in das Seil fallen lassen. Genieß es!“

Mit den guten Vorsätzen wollte ich nicht mehr länger warten. Der 30. Dezember schien mir der perfekte Tag zu sein, um eine alteingesessene Angst endlich zu besiegen. Und die Kletterhalle war der ideale Ort dafür. Klettern solle ja ein wahnsinnig erfüllender Sport sein, habe ich mir sagen lassen. Man würde in der Höhe viele Dinge des Alltags mit anderen Augen sehen. Innovative Ideen habe man beim Klettern. Und man brauche gar nicht so viel Kraft in den Armen, es komme vor allem auf die Technik an. Eine Lifestyle-Sportart an der so gut wie jeder Gefallen findet. Außer man hat Schwierigkeiten mit der Höhe.

Die Höhenangst und ich kennen uns schon lange und wir haben schon viele ängstliche Jahre miteinander verbracht. Im Turnunterricht der Volksschulzeit hatten wir oft miteinander zu tun. Damals an der Sprossenwand trafen wir uns regelmäßig. Auch meine schlecht vorgetäuschten Menstruationsbeschwerden konnten mich nicht von der Qual des Turnunterrichts befreien. Und dann, nach einem Sturz von besagter Sprossenwand, entschloss sich die Höhenangst mein ständiger Begleiter zu werden. Wir trafen uns fortan bei Aussichtswarten, Balkonen, Wendeltreppen und Leitern.

23 Jahre hatten die Höhenangst und ich nun zusammen verbracht und ich fand, dass es langsam an der Zeit war, sich von ihr zu trennen. Obwohl sie mich nicht daran hindern konnte den CN Tower in Toronto (553 Meter), das Empire State Building (449 Meter) oder den Eiffelturm (324 Meter) zu erklimmen, wollte ich meinen lästigen Begleiter nun endgültig abschütteln. Schließlich ruinierten schweißnasse Shirts das romantische Ambiente eines Aussichtsturmes vollständig.

Das City Adventure Center wirkte vom Parkplatz aus gar nicht bedrohlich. Ein eher unauffälliges Gebäude mit gewöhnlicher Höhe. Die keineswegs angsteinflößende Außenansicht beruhigte mich. Die Kletterwand im Inneren konnte also überhaupt nicht so schaurig hoch sein, wie meine Träume es mir prophezeiten.

Im Inneren war alles ganz anderes, als ich erwartet hatte. In meiner Vorstellung traf ich auf verschwitzte, überanstrengte Körper. Müde und erschöpft waren die Gipfelstürmer in meinem Kopf. Doch es war anders. All die Endorphine, die beim Klettern frei werden, bildeten hier wohl so etwas wie eine Wolke der Glückseligkeit. Ich traf auf junge, athletische Körper mit strahlenden Augen und einem seligen Lächeln auf dem Gesicht. Zufrieden und glücklich sahen sie alle aus. Das bestärkte mich. Einzig eine Erklärung die ich unterschreiben musste, bei einem Unfall keine rechtlichen Ansprüche zu stellen, lies mich dann doch kurz an meinem Vorhaben zweifeln.

Am Eingang bekam ich von einer, ebenfalls beschwingt fröhlichen Dame, Kletterschuhe Größe 42 in die Hand gedrückt, obwohl ich bei der Frage nach meiner Schuhgröße eindeutig mit 40 geantwortet hatte. Kurz überlegte ich auf die richtige Größe zu bestehen, wollte der beseelten Dame aber nicht ihre Kompetenz absprechen. Was sich als weise Entscheidung entpuppen sollte, nachdem ich kurz darauf alle Mühe hatte, meine grazilen Größe-40-Füße in das ausgeborgte Schuhwerk zu pressen.

Mein Klettercoach empfing mich im ersten Stock bei einer zirka 15 Meter hohen Kletterwand, an der bereits einige endorphingeputschte Kraxler hingen. Sepp erschien mir nach akribischer Überprüfung aus mehrerlei Hinsicht ein verlässlicher Kletterlehrer zu sein. Erstens tummelte er sich bereits seit zehn Jahren auf Kletterwänden und im Gebirge herum. Zweitens war er ein guter Freund meines Freundes und drittens scheinen mir Männer, die Sepp heißen, grundsätzlich sehr vertrauenswürdig zu sein. Ich befand mich also in guten Händen.

„Wie fühlt sich das denn an, deine Höhenangst?,“ versuchte Sepp das Ausmaß meiner Panikattacken vorsichtig abzuschätzen. Die Frage verwunderte mich, weiß doch jedes Kind was Höhenangst ist. Man hat halt Angst, sagt eh der Name. Um unser gemeinsames Klettervorhaben aber nicht unter einen schlechten Stern zu stellen, begann ich also zu erzählen – von dem flauen Gefühl im Magen, von meinem Herz, das plötzlich viel schneller schlägt, wenn ich am Abgrund stehe und von der Angst nach unten zu fallen. „Eine gesunde Angst ist eh normal und wichtig. Sonst wird man zu übermütig,“ stieß Sepp sichtlich erleichtert aus, hatte er es doch nicht mit einer völlig Panischen zu tun.

Wer hätte gedacht, dass eine Wand voll mit bunten Haltegriffen so beängstigend sein kann. Fische, Mammuts und Seesterne pflasterten meinen Weg zur Decke. Die ersten Schritte waren kein Problem. Linker Fuß und rechte Hand, dann rechter Fuß und linke Hand – richtig Spaß machte das. Mit jedem Zentimeter den ich mich erfolgreich hochquälen konnte, fühlte ich mich besser, stärker. Die Endorphine durchströmten langsam auch meinen Körper.

Das Hochgefühl war allerdings von kurzer Dauer. Es wurde immer mühsamer einen Fußauftritt zu finden, den mich meine Muskulatur auch erreichen liese. Die Anordnung der Haltegriffe wurde immer fieser. Vielleicht ein Schutzmechanismus für untrainierte Kletterer, damit sie nicht zu übereifrig werden. „Schau mal nach unten, um dich an die Höhe zu gewöhnen!“ Bisher lief es ja ganz gut. Die Höhenangst hatte sich noch nicht bemerkbar gemacht. Ich umschloss die beiden Haltegriffe mit meinen Fingern noch etwas fester als sonst und wagte einen Blick über meine linke Schulter nach unten. In der Annahme gleich auf meine Höhenangst zu treffen, verharrte ich einige Minuten in der Position. Ich wollte sie schließlich herausfordern.

Aber sie kam nicht. Es war eher eine angenehme Mischung aus fürchten und Nervenkitzel, so wie in der Geisterbahn. Ich war fassungslos. Jetzt wollte ich also großartig meine Höhenangst besiegen, ihr mutig in die Augen blicken und ihr sagen „Hey, nicht mit mir. Ich habe keine Angst mehr.“ Und was war? Einfach weg.

Ich fühlte mich um den großen Schlusskampf mit meiner Angst betrogen. Was sollte ich noch hier oben an der Wand? Die Angst war weg, also gab es auch keinen weiteren Grund noch länger an einem roten Fisch festzuhalten. Ich wollte wieder festen Boden unter den Füßen spüren. Die Haltegriffe loslassen, sich mit den Füßen von der Wand abstoßen und einfach ins Seil fallen lassen – konnte ja nicht so schwer sein. Sepp wartete nur noch auf ein Zeichen von mir.

„Wenn du soweit bist, kannst du die Griffe einfach loslassen!“ Einfach loslassen? So mühsam hatte ich mich hier nach oben gehantelt. Und das bunte Getier, an dem ich mich seit einiger Zeit festhielt, hatte ich auch schon lieb gewonnen. Zweifel tauchten auf. Sich mit dem Rücken zum Boden in ein Seil fallen lassen und darauf zu vertrauen, dass ein Mann, den man quasi erst seit kurzem kannte, einen auffängt – ziemlich riskantes Vorhaben eigentlich. Eine Weile lang dachte ich über alternative Abstiegsszenarien nach. Der fliegende Superheld, der mir kurz in den Sinn kam, würde aber wohl eher nicht in einer Kletterhalle vorbeischauen.

Also half nur mehr eins: Loslassen. Und noch kurz bevor sich meine Finger widerwillig vom Haltegriff lösten, tauchte ein leicht flaues Gefühl in der Magengrube auf. Und der Puls, der wurde plötzlich auch irgendwie schneller. Mein neuer Begleiter für Aussichtstürme machte sich bemerkbar.

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